VERTEIDIGUNG UND VERKÜNDIGUNG DES GLAUBENS
IN DEN GEBETEN DES "TRIDENTINISCHEN" MESSBUCHES:
Défense et propagation de la foi dans les prières du missel tridentin.
Ein wissenschaftlicher Beitrag zur Liturgie, Liturgiereform und Liturgiekrise

von Hochwürden Mag. theol. Dariusz. J. Olewinski, Priester und Wissenschafter

Ein wertvoller Vortrag vom 9. November 2001 beim 7. Kolloquium des unter der Schirmherrschaft der Kardinäle Oddi und Stickler gegründeten Internationalen Studienzentrums für Liturgie (Le Centre International d'Etudes Liturgiques - C.I.E.L.), dessen erklärte Aufgabe es sein soll, "die traditionelle Liturgie der lateinischen Kirche in Treue zum Lehramt bekanntzumachen und zu erklären." Hw. Mag. theol. Dariusz Olewinski sei sehr herzlich für die Erlaubnis zur Veröffentlichung im Rahmen der Seiten von www.padre.at gedankt! Reaktionen können selbstverständlich an den Autor selbst, aber auch wie gewohnt per E-Mail oder Formular an mich gesendet werden. Padre Alex

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(Padre Alex)


Als ich die Einladung zum Vortrag des vorliegenden Themas annahm, war ich mir zugleich der Problematik dieser Fragestellung bewußt. Im Laufe der Vorbereitung bestätigte sich die Ansicht, daß es auf dem Hintergrund einer gewissen Tendenz formuliert ist, die eigentlich den Kern der Auseinandersetzung um die Liturgie und die Liturgiereform trifft. Nun kann ich in diesem Rahmen nicht ausführlich der Frage nachgehen, ob und inwieweit man von apologetisch-kerygmatischer Absicht, Zielsetzung oder auch nur Funktion des Gebetes allgemein sprechen kann. Im Sinne einer Einleitung zum Thema, um es in einer allgemeineren Problematik zu platzieren, möchte ich nur einige mehr grundsätzliche Bemerkungen vorausschicken. 1


1. Vorbemerkungen

Das Verhältnis zwischen Gebet und Glaube bzw. Glaubensbekenntnis ist ein eigenes Thema. Der Zusammenhang zwischen liturgischem Beten und der Glaubenslehre gehört mehr zum Bereich der anderen Vorträge dieses Kolloquiums. Hier muß nur betont werden, daß wir nun betende Worte, d. h. das menschliche Sprechen zu Gott betrachten sollen. 2 Genauer gesagt, geht es um das liturgische Gebet, das "offizielle" Sprechen der Kirche zu Gott. 3 Die Tatsache, daß es in diesem Fall ein kollektives Subjekt (die Kirche) ist, hebt die einem jeden Gebet eigene Struktur nicht auf, sondern verstärkt und bestätigt sie. Mit anderen Worten: die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit es sich um ein Gebet handeln kann, werden noch mehr im gemeinschaftlichen Beten, das die Liturgie ist, gefordert. Ohne sich diesbezüglich auf eigene Erörterungen einzulassen, ist festzustellen, daß ein Gebet mindestens einen bruchstückhaften Akt des Glaubens im weitesten Sinne - d. h. eine innere Haltung, die ein mindestens minimales, obwohl nicht unbedingt reflektiertes Wissen über den, an den sie sich wendet - voraussetzt. 4 Einfacher gesagt: jedes Gebet drückt (irgendeinen) Glauben aus. Ohne auf den Zusammenhang zwischen der persönlichen Glaubensüberzeugung und der reflektierten Glaubensdoktrin näher einzugehen, genügt hier folgende Feststellung: es besteht eine offensichtliche, vielschichtige Interdependenz zwischen dem Glauben der einzelnen Personen und der offiziellen Glaubenslehre der Kirche. Zu der zweiteren gehören freilich auch Äußerungen apologetischer und polemischer Art, d. h. solche, die auf dem Hintergrund der Abgrenzung gegenüber Irrlehren oder ihrer Bekämpfung entstanden sind. Es ist nicht prinzipiell auszuschließen, daß solche historischen - individuellen oder kollektiven - Erfahrungen auch ihren Niederschlang im Gebet allgemein oder in der Liturgie finden. Dennoch ist es eine andere Frage, ob es eine beabsichtigte Funktion der Liturgie sein kann, den Glauben bzw. die Glaubenslehre zu verkünden oder zu verteidigen.

Um es kurz zu fassen: Die Natur der Liturgie als betender Handlung - d. h. des Sprechens zu Gott - läßt grundsätzlich nicht zu, daß ihre Zielsetzung eigentlich kerygmatisch, apologetisch oder auch nur doktrinal wäre. Gott hat es ja nicht nötig, die Glaubenswahrheiten dargelegt zu bekommen, und man müßte sie ihm gegenüber ja nicht verteidigen. 5 Dennoch steht der Mensch im Gebet vor Gott mit und in seinem Glauben, ja sogar vom Glauben bewogen, und im Falle der Liturgie (als dem kollektiven Gebet der Kirche) ist dies der geoffenbarte und von der Kirche tradierte Glaube. 6 In diesem Sinne scheint es richtiger, vom Zeugnis des Glaubens in der Liturgie zu sprechen, und zwar von solchem, das an sich nicht angestrebt wird, sondern einfach präsent ist. So lautet meine vorläufige These, die im Laufe der eigentlichen Ausführungen dieses Referats zu verifizieren ist.

Sie steht in gewissem Kontrast zu der Auffassung, die eigentlich von beiden Seiten der gegenwärtigen "liturgischen Barrikaden" - mit verschiedenen Nuancen - mehr oder weniger deutlich, mehr oder weniger bewußt vertreten wird: auf die kerygmatisch-pädagogische (im weitesten Sinne) Funktion der Liturgie pochen sowohl die Anhänger und Betreiber der permanenten Reform (als laufender Anpassung an die Zeit, den Ort und die Menschen) 7 als auch die Verteidiger der traditionellen Liturgie, die hervorheben, daß es letztlich um den Glauben gehe. 8 Dabei fassen die ersteren das liturgische Gebet oft als einen Ausdruck der persönlichen (mehr oder weniger subjektiven) Empfindungen und Erlebnisse auf, während die zweiteren es eng an die Dogmen - als die objektive und unveränderliche Norm des Glaubens - binden, und zwar manchmal fast bis zur Identifikation von beiden.

Meine Aufgabe in diesem Vortrag ist es, in den Worten der Orationen selbst ihren theologischen Inhalt und ihre Absicht (die erkennbare Zielsetzung des Autors 9) zu entdecken und herauszustellen. In diesem Rahmen können alle betreffenden Texte nicht einzeln analysiert und vorgestellt werden. 10 Es ist nur ein synthetischer, thematisch geordneter Überblick möglich, und zwar im Hinblick auf die Frage, ob und in welchem Sinne man von Verteidigung und Verkündigung des Glaubens durch die untersuchten Gebete sprechen kann. Ich beschäftige mich also nicht mit der faktischen Funktion oder Effektivität, denn dies gehört vielmehr zum Bereich der pastoral-soziologischen Untersuchungen.



2. Der theologische Gehalt der Gebete des Missale Romanum des hl. Pius V

Bevor wir zu den eigentlichen Erörterungen übergehen, scheinen einige Bemerkungen zur Ortsbestimmung der betreffenden Texte im Rahmen des gesamten Ritus zielführend zu sein. Grundsätzlich klammere ich hier die geschichtliche Problematik, d. h. die Frage der Herkunft und des Alters der einzelnen Gebete, aus. 11

Indem ich vom Missale des Pius V spreche, meine ich seine editio typica von 1962. 12 Ich betrachte hinsichtlich des theologischen Inhalts die Gebete vierfacher Art: oratio 13, secreta 14, postcommunio 15, oratio super populum 16. Sowohl historisch 17 als auch formell (hinsichtlich der sprachlich-stilistischen Struktur 18 und der liturgischen Funktion 19) hängen sie miteinander eng zusammen, und zwar als eine Gattung, die (ursprünglich) nur der römischen Liturgie eigen ist. 20 Der Canon Romanus, der zwar aus ähnlichen Gebeten besteht 21, wie auch die stillen Gebete des Priesters 22 und die konsekratorischen Gebete (der Weihe und der Segnungen), gehören nicht zu dem Stoff. Die Einengung des obiectum materiale soll der möglichst konzentrierten Darlegung der bestimmten Gruppe von Gebeten dienen.

In der Forschung herrscht eigentlich diesbezüglich darüber Übereinstimmung, daß - trotz gewisser Unterschiede in der Terminologie und der historisch-genetischen Bestimmung - die betreffenden Gebete (besonders oratio, secreta, postcommunio) Höhepunkte im Verlauf der jeweiligen Teile der Meßliturgie bilden, und zwar als Ausdruck der Rolle des Priesters als dessen, der die Bitten des gläubigen Volkes vereint, artikuliert und vor Gott hinträgt; er tritt also nicht bloß im eigenen Namen auf, sondern in der Mittlerfunktion zwischen Gott und den Menschen. 23 Dies bringt schon die grammatikalische Form zum Ausdruck: es ist vorwiegend 1. Person Plural. 24 Dieselbe Struktur ist aber auch dann gegeben, wenn diese Form nicht ausdrücklich vorkommt, sondern nur der Inhalt es voraussetzt, daß der Priester fürs Volk betet. Dies stimmt mit dem Ort im gesamten Ritus überein: diese Gebete bilden den Schluß, sozusagen die Krönung der vorausgehenden Teile (Gesänge, Fürbitten, Litaneien, Präfationen), an denen das Volk mehr direkt beteiligt ist. 25

Die vom Volk gesprochene Formel "Amen" bringt ebenfalls die Mittlerrolle des Priesters zum Ausdruck: die Gläubigen bestätigen gleichsam die vom Priester vorgetragene Bitte. 26 Darin kann man auch ein Element dogmatischer Relevanz sehen: eine Artikulation der hierarchischen Struktur der Kirche und den Mittlercharakter des Priestertums. 27

In der Schlußformel des Gebetes selbst werden die in verschiedenen Variationen wiederkehrenden Worte wiederholt: Per Iesum Christum, Filium tuum, Dominum nostrum ... 28 Die Beständigkeit dieser Formel unterscheidet sie vom Hauptteil des Gebetes. Aber auch der Inhalt weist anderen Charakter auf: es ist auf jeden Fall eine Art Bekenntnis des Glaubens im Sinne einer Doxologie, und nicht ein Gebet an sich, obwohl es sich um einen Teil des Gebetes handelt. 29


2.1. Das "Gottesbild" 30

Unter den Aussagen in bezug auf Gott betreffen die meisten die Allmacht 31 bzw. die Macht 32, verbunden auch mit Ewigkeit 33, Barmherzigkeit 34 und Milde 35. Etwas weniger häufig, obwohl ebenfalls deutlich artikuliert, sind die Ausdrücke bezüglich Gottes Barmherzigkeit, und zwar in substantivischen, adjektivischen und verbalen Formen. 36 Es gibt eine interessante Verbindung in dem Satz, daß Gott seine Allmacht am meisten im Vergeben und Erbarmen zeige. 37 Der Schwerpunkt liegt auch in den Ausdrücken zur Milde 38 und Güte 39, wobei wiederum biblische Bilder 40 als auch kontrastierende Verbindungen auftreten. 41 Manchmal wird der Aspekt der Freundlichkeit Gottes mehr konkret gefaßt, d. h. in bezug auf Großzügigkeit 42, die Vergebung 43 und das Heil 44. Es sind viele Aussagen darüber, daß Gott sehe, und zwar im Sinne eines sorgenden Blickens auf die Menschen bzw. Geschöpfe, das sowohl festgestellt wie auch erbeten wird. 45

Zugleich wird Gott als "maiestas" aufgefaßt, die als beleidigt erscheint, die angerufen wird, der gedient wird, der Opfer und Verehrung dargebracht werden, der wir gefallen sollen. 46 Manchmal ist vom "Thron der Majestät" im Himmel die Rede 47, auch in Verbindung mit anthropomorphen Anspielungen, die offensichtlich biblischen Hintergrund haben. 48

Auf vielfache Weise wird die göttliche Fürsorge für die Geschöpfe, besonders für den Menschen, zum Ausdruck gebracht, sowohl allgemein 49 als auch hinsichtlich des Schöpfer- und des Erlösertums. 50 Viele Ausdrücke haben spirituellen Anklang der Moral und Aszetik und greifen zugleich die Ursächlichkeit Gottes und sein Wirken auf. 51 Man kann spezielle soteriologische Bezeichnungen aussondern. 52

Ähnliche Funktion wie das bereits erwähnte "maiestas" hat das Wort "nomen", das allerdings ziemlich direkt biblische Wurzeln hat und so auch zu verstehen ist: als Bezeichnung dafür, was Gott den Menschen von sich geoffenbart hat. 53

Ein anderer Aspekt des göttlichen Verhaltens weist vor allem in Richtung Gerechtigkeit hin, wenn von den Folgen sowohl der menschlichen Schuld wie auch der Buße 54, aber auch vom Beleidigen Gottes durch die Sünde 55, vom Zorn Gottes 56, aber auch von heilender Wirkung der Züchtigung und der Vergebung 57 und von der Sühne (durch Buße, das eucharistische Opfer und das Gebet) 58 die Rede ist. Es findet sich eine Kontrastierung von Barmherzigkeit und Zorn, mit relativem Überwiegen der ersteren. 59

In den entsprechenden Anrufungen Gottes treten anthropomorphe Auffassungen auf, wie Hören (darunter auch das biblische Bild des göttlichen "Ohres") 60, Gedenken 61 und Ausstrecken der Rechten. 62

Der Gedanke der Barmherzigkeit erscheint im Zusammenhang mit dem "Vorauswissen" Gottes hinsichtlich des Heiles von konkreten Menschen 63, also mit der soteriologisch-charitologischen Thematik. Zugleich aber findet sich die Bitte darum, daß alle Völker den wahren Gott erkennen mögen. 64 Der recht oft vorkommende Ausdruck "Deus noster" 65, der übrigens biblischer Herkunft ist, bringt die Zusammengehörigkeit Gottes und der betenden Kirche zum Ausdruck und meint freilich nicht etwa die Möglichkeit anderer Götter.


2.2. Trinitologie

Abgesehen von der Schlußdoxologie einer jeden Oration, sind Inhalte der Trinitätstheologie nur im Formular des Festes der Allerheiligsten Dreifaltigkeit zu finden. Darin ist zwar vom "Bekenntnis des wahren Glaubens", von der "Erkenntnis der Herrlichkeit der ewigen Dreiheit" und vom Anbeten "der Einheit in der Macht der Majestät" die Rede 66, es gibt aber keine dogmatischen Präzisierungen oder deren Elemente.


2.3. Christologie

Ein Teil der Gebete richtet sich direkt an Christus 67, auch mit solchen Anrufungen wie "Deus" 68 oder "omnipotens Deus" 69. In den Gebeten, die sich an den Vater richten, ist meist vom "Unigenitus" und "Filius" die Rede. 70 Es gibt andere Titel, die sowohl das Geheimnis der Trinität als auch die Gottheit betreffen 71, auch bildhaft-biblische Bezeichnungen 72 und soteriologische Titel. 73

Unterscheiden kann man Titel und Ausdrücke, die mindestens indirekt den Gedanken der Mittlerschaft enthalten 74; dazu zählen die Motive des Priestertums und des Opfers. 75 Es gibt Anspielungen auf die Inkarnation 76 und auf Ereignisse aus dem Evangelium. 77 Zu finden sind sowohl mehr bildhafte als auch mehr spekulative Beschreibungen des christologisch-soteriologischen Mysteriums. 78 Es wird die katholische religiöse Tradition aufgegriffen, die sowohl biblisch als auch in der mystischen Erfahrung der Heiligen verankert ist. 79 Zu bemerken sind schließlich spirituelle, moralische und aszetische Gedanken, die allerdings relativ selten vorkommen. 80


2.4. Pneumatologie

Über den Heiligen Geist wird auf vielfache und zugleich eher unbestimmte Weise gesprochen. Es finden sich Stellen, wo es offenbar um die dritte göttliche Person geht 81, darunter auch biblische Anspielungen. 82 Nur einmal ist ein Element der dogmatischen Definition festzustellen, und zwar in der ursprünglicheren Form. 83

Konkret ist vom "Geist" Gottes 84, dem "Geist der Liebe" Gottes 85, dem "Geist der Stärke" 86, dem "Geist der Heilsgnade" 87, von der "Gnade" 88 und der "Stärke des Heiligen Geistes" 89 die Rede. Verschiedenartig wird sein Wirken bezeichnet: als "Erleuchtung" 90, "Reinigung" 91, "Heiligung" 92, "Belehrung" 93; indirekt wird auf "rechtes Denken" und "Tröstung" hingewiesen. 94 Er wird direkt als "Vergebung" bezeichnet. 95 Seine Erteilung wird meist als "Ergießen" 96, aber auch als "Entflammen" 97 bezeichnet, was wiederum biblisch verankert ist.


2.5. Kosmologie

Aussagen über die Schöpfung beziehen sich vor allem auf das Schöpfertum Gottes, sowohl allgemein 98 als auch hinsichtlich einzelner Geschöpfe. 99 Es gibt Ausdrücke bezüglich der Relation Gottes zu den Geschöpfen 100 und bezüglich ihrer Beziehung zum Menschen. 101 Erwähnt wird die Vergänglichkeit der Welt 102, ihr Verfall 103, ihre "Eitelkeit" 104, ihre Gefährlichkeit für den Menschen 105, aber auch die existentielle Abhängigkeit alles Geschaffenen von Gott. 106

Im allgemeinsten wird zwischen dem Himmlischen und dem Irdischen 107, zwischen dem Weltlichen und dem Himmlischem 108, zwischen dem Zeitlichen und dem Fortdauernden 109, zwischen dem Gefallenen und dem Ewigen 110 unterschieden. Man spricht vom "Erfolg" und den "Verlockungen dieser Welt" als etwas, was zu meiden und zu verachten sei. 111 Das Irdische wird auch Gott selbst oder der Gemeinschaft mit Ihm entgegengesetzt. 112 Oft kommt in diesem Zusammenhang das Verb "despicere" vor 113, das aber offensichtlich in Verbindung mit der Affirmation der Liebe zu Gott und zu allem in Gott zu verstehen ist. 114 Es ist zu bemerken, daß von der Erlösung der Welt - also einem Akt der Liebe Gottes zum Geschaffenen - die Rede ist. 115


2.6. Anthropologie

Es gibt keine volle Klarheit bezüglich der ontologischen Struktur des Menschen. Man unterscheidet zwischen "mens" und "corpus" 116; zugleich aber treten andere Begriffspaare auf: "anima" und "corpus" 117, das Geistige und das Körperliche 118; es ist auch vom Inneren und vom Äußeren die Rede. 119 Selbständig tritt am häufigsten "mens" auf, und zwar als Bezeichnung für den geistigen Aspekt des Menschseins. 120 In ähnlicher Bedeutung kommt manchmal das Wort "cor" vor 121 (obwohl es Stellen gibt, wo beide Begriffe unterschieden zu sein scheinen 122 ), aber auch "anima" 123, "spiritus" 124 und die bildhaften Ausdrücke "pectus" 125 und "renes". 126

Besondere Aufmerksamkeit verdient das Wort "anima", das regelmäßig in den Gebeten für Verstorbene auftritt, was sicherlich kein Zufall ist. Einerseits ist allgemein vom Menschen, der von dieser Welt scheidet 127, und von Vergebung für "Verstorbene" 128 die Rede; man spricht auch von denjenigen, die zur Erde zurückkehren und im Himmel weilen sollen 129, und von den "auf diesem Friedhof in Christus Ruhenden" 130; andererseits spricht man von ruhenden Leibern. 131 Zugleich ist die Rede von den Seelen derer, die "hier in Christus ruhen" 132, als auch von den Seelen selbst, die "hier in Christus ruhen". 133 Von den Menschen allgemein sagt man, daß sie entweder "im Leib" oder "vom Leib ausgezogen" seien. 134 Hinsichtlich des geistigen Aspekts wird der Mensch in den Bitten um die Verzeihung der Sünden der Seele verstanden; 135 wohl in diesem Sinne ist der Ausdruck "mors animae" zu verstehen. 136 Das leibliche Absterben wird dagegen als Übergang der Seele von dieser Welt "zum Leben" aufgefaßt. 137 Auf die Seele beziehen sich Aussagen über die Teilhabe an der Gemeinschaft der Heiligen 138, über die Ruhe, das Glück und das Licht der Herrlichkeit. 139 Andererseits ist vom ganzen Menschen die Rede, der sich "in der Herrlichkeit der Auferstehung unter den Heiligen und Auserwählten" ausruhen solle. 140

Man unterscheidet zwischen dem, was dem Menschen eigen ist, und dem, was von außen kommt. 141 Bezüglich des ersteren ist oft von Sündhaftigkeit (vor allem in folgenden Stichworten: "peccata" 142, "delicta" 143, "vitia" 144, "crimen" 145, "culpae" 146, "reatus" 147, "excessus" 148, "errores" 149, "perversitates" 150, "offensae" 151), vom Mangel an Tugend 152 und von seelischer Krankheit 153 die Rede. Ein Synonym hiefür ist das "Verborgene" im Menschen, das der Reinigung bedürfe. 154 Nur vereinzelt wird "die alte Sünde des vererbten Todes" erwähnt 155, und die zeitliche Existenz wird als "Sterblichkeit" bezeichnet. 156 Sonst ist vom menschlichen Schwanken 157, von Gebrechlichkeit 158, Schwäche 159, Verwundetsein 160, Angewiesensein auf Gott 161 die Rede; wohl im ähnlichen Sinne sind die Ausdrücke "Altsein" 162 und "Verkehrtheit" 163 zu verstehen. Zugleich aber spricht man von den "incorrupta" im Menschen. 164

Artikuliert wird ein Mißtrauen gegenüber menschlichem Handeln allgemein 165, obwohl auch die Notwendigkeit der Aktivität des Menschen betont wird. 166 Man spricht von "rechten Wünschen" und "Gefühlen" 167, obwohl abzutötende "irdische Gefühle" erwähnt werden 168 wie auch schädliche Genüsse 169 und rebellisches Wollen. 170 Damit ist aber keineswegs Verachtung gegenüber dem körperlichen Aspekt des Menschseins gemeint, denn man spricht auch von der Verleihung des Vertrauens in die "Sinne". 171

Etwas Äußeres sind dagegen Widerwärtigkeiten 172, Gefahren 173, Bosheit 174, feindliche Angriffe 175, Feindlichkeit allgemein und geistige Feinde 176, direkt teuflische Überfälle 177, wobei auch "teuflische Gefangenschaft" genannt wird. 178 Im Falle der "mala" ist allerdings die Grenze zwischen dem Inneren und dem Äußeren ziemlich fließend. 179 Erwähnt werden Versuchungen 180, Betrübnis 181, Traurigkeit 182, Züchtigung 183, Verwirrung 184 und Schädliches. 185 Zugleich aber werden das Umfangen durch Gott 186, die von Ihm dem Menschengeschlecht gegebene Ordnung 187, die Möglichkeit, die göttliche Macht zu empfangen 188 und sogar eine "würdige Wohnung des Heiligen Geistes" zu werden, 189 betont.


2.7. Soteriologie

Der soteriologische Faden tritt in verschiedenen Ausdrücken auf: "salus" 190, "redemptio" 191, "liberari" 192, "visitatio" 193, "reparatio" 194, "renovatio" 195, "restauratio" 196, "regeneratio" 197, "illustratio" 198, "reconciliatio" 199 wie auch "sanitas" 200, Reinigung 201, Unsterblichkeit 202 und "glückliche Ewigkeit" 20; es erscheint auch das Thema der adoptiven Gotteskindschaft bzw. "Vergöttlichung" des Menschen. 204

Diese Bezeichnungen treten in verschiedenen Kontexten und mit unterschiedlichen Nuancierungen auf. Einerseits spricht man vom vollbrachten Heilswerk. 205 Als die Art und Weise dieser Vollbringung erscheinen jeweils gefeierte Heilsereignisse wie konkret die Geburt Christi 206, sein Leiden 207 und die Auferstehung, 208 aber auch z. B. die Geburt Seiner Mutter. 209 Andererseits spricht man vom erst zu vollziehenden Heil 210, besonders auf die Fürsprache der Heiligen 211, in den Sakramenten und durch die Sakramente 212, aber auch durch die Frömmigkeit 213, die Gebote 214 und das Wirken der Kirche. 215 Die Eucharistie wird übrigens mit dem Kreuzesopfer als fast identisch aufgefaßt 216, obwohl nicht immer. 217 Es ist außerdem vom "Wachstum des Heiles" die Rede. 218 Am meisten klärend erscheinen die Aussagen von den "Mitteln des Heiles" 219 und dem Empfang des "Effektes" 220 bzw. der "Frucht" des Heiles. 221 Man spricht von der "Teilhabe" an der Erlösung bzw. am Heil. 222 Sonst unterscheidet man zwischen der Erlösung "durch Gnade" einerseits und "durch Vergebung" andererseits, allerdings ohne nähere Klärung. 223

Als Adressaten bzw. Empfänger des Heiles treten "wir", d. h. die Kirche auf 224, aber auch "das Menschengeschlecht", "alle" und "die Welt". 225 Andererseits befindet sich der Gedanke von der Vorherbestimmung zum Heil, und zwar im deutlichen Rückgriff auf die Hl. Schrift. 226


2.8. Charitologie

Die Gebete enthalten viel Stoff zum Thema der Gnade. Es sind Sätze, die einerseits eine deutliche Linie aufweisen, zugleich aber keine eindeutige und vollständige Aussagen darstellen.

Das Wort "gratia" selbst tritt ziemlich häufig auf. 227 Als Synonyme erscheinen "donum" 228, "munus" 229, "subsidium" 230, "auxilium" 231, "virtus" Gottes 232, "misericordia" 233, "benignitas" 234, "benedictio" 235, "protectio" 236, "potentia" 237 und andere. 238 Die Gnade wird von himmlischer "Herrlichkeit" 239 und von "Vergebung" unterschieden, obwohl diese Begriffe auch verbunden werden. 240 Manchmal werden im ähnlichen Sinne die Anwesenheit und die Freundlichkeit Gottes angerufen. 241 Es gibt Unterscheidungen bezüglich des Vorausgehens und des Nachfolgens der Gnade. 242 Regelmäßig ist vom Verleihen und Wirken der Gnade durch die Sakramente, besonders durch die Eucharistie, die Rede. 243 Zugleich wird für deren Vollzug die Gnade erbeten 244, wobei Gott es ist, der der Teilnahme am Sakrament würdig macht. 245 Man spricht vom Würdigsein und von einer Vorbereitung für den Empfang der Gnade. 246 Zugleich tritt die Gnade als diejenige auf, die eben würdig macht 247 bzw. den Verdiensten vorausgeht. 248 Manchmal wird das Sakrament als Vorbereitung für die Gnade aufgefaßt. 249 Ähnlich spricht man von der religiösen Praxis als der Vorbereitung 250 und dem Weg der göttlichen Verleihung der Verdienste und Gnaden 251, wobei aber die Heiligung dieser Praxis erbeten wird. 252 Generell tritt die Frömmigkeitspraxis (wie Gebet, Innerlichkeit, Liturgie, Fasten, Enthaltsamkeit) als ein mit der Gnade verbundener Faktor auf 253, obwohl die Frömmigkeit und die Tugenden letztlich als von Gott stammende Gnade aufgefaßt werden 254; dasselbe gilt für das Verbleiben ohne Sünde. 255 Von den eigenen Kräften und Verdiensten ist als von nicht ausreichenden die Rede. 256 Der "Verdienst" und das Leben gemäß dem Willen Gottes erscheinen eher als das Werk Gottes 257, obwohl zugleich das menschliche Handeln als der Weg des Heiles und der Gnade auftritt. 258 Es wird allerdings angemerkt, daß Gott an menschliche Verdienste und Bitten nicht gebunden sei. 259 Ausschließliches Vertrauen auf die Gnade wird betont. 260 Als der Umstand für ihre Verleihung wird die Demut hervorgehoben 261, die allerdings ebenfalls als Gnade verstanden wird. 262 Oft ist vom ursprünglichen inneren Wirken Gottes die Rede, das dem menschlichen tugendhaften Handeln zugrunde liegt. 263 So sind offenbar auch die Bitten um Glauben, Hoffnung und Liebe zu verstehen. 264

Am häufigsten betreffen die Bitten direkt das Wirken Gottes, besonders das innere 265, aber auch das äußere 266, auch konkret hinsichtlich des moralischen 267 und religiösen (im weiteren Sinne) 268 Verhaltens des Menschen, und auch sein endgültiges Ziel 269; es gibt aber auch mehr diesseitige Anliegen. 270 Dennoch tritt an manchen Stellen das menschliche Handeln an erster Stelle auf, während die Gnade als eine helfende 271 bzw. nachfolgende beschrieben wird. 272 Es gibt sonst ziemlich komplexe und nicht ganz klare Auffassungen bezüglich des Mitwirkens von Sakrament, Gnade und Moral. 273

Es ist von heilwirkenden Verdiensten und der Fürsprache des Leidens Christi die Rede. 274 Es wird die Fürbitte der Heiligen einbezogen: an Gott wird die Bitte gerichtet, daß ihre Gebete helfen 275 und ihre Verdienste stützen mögen. 276 Man spricht allgemein von der Fürbitte der Heiligen 277 und der Engel 278, und sogar von ihrem gewissermaßen aktiven Wirken für uns. 279 Dies wird allerdings mit der Nachahmung der Tugenden verbunden. 280 In dem Zusammenhang treten Formulierungen auf, die letztlich den Primat der Gnade besagen. 281

Das göttliche Erbarmen wird zwar mit dem Vorauswissen über die zukünftige Zugehörigkeit des Menschen zu Gott durch den Glauben und durch die Werke verbunden. 282 Außerdem wird der universale Heilswillen Gottes artikuliert 283, und zugleich wird die Erhaltung der Vorherbestimmung für das ewige Glück erbeten. 284 Das einzige Argument in der Bitte für die Verstorbenen ist dann ihr Glauben und Hoffen 285 und nicht ihre Werke.


2.9. Mariologie

Aussagen über die Mutter Jesu Christi treten eigentlich nur in den Formularen der entsprechenden bzw. inhaltlich zusammenhängenden Feste und Anlässe auf. Wohl am häufigsten ist von ihrer Jungfräulichkeit die Rede. 286 Direkt wird die Freiheit von der Makel bzw. von den "Wunden der Schuld" genannt 287 und auch die Gottesmutterschaft 288; beide Dogmen werden auch verbunden. 289 Anläßlich des Festes wird die Aufnahme in den Himmel erwähnt. 290 Sonst ist vom Einwohnen des Hl. Geistes in ihr die Rede 291, konkreter in ihrem Herzen 292, und auch vom "göttlichen Feuer". 293

Die Bedeutung im Heilswerk hat christologischen und gewissermaßen mittlermäßigen Charakter und bezieht sich sowohl auf die Ereignisse der Inkarnation (im faktischen und theologischen Aspekt) 294 als auch auf ihre Wirkung. 295 Auffallenderweise wird bereits die Geburt Marias als der Anfang des Heiles angesehen. 296

Es ist von der Verehrung für Maria die Rede. 297 Auf ähnliche Weise wie allgemein von den Heiligen spricht man von ihrer Fürbitte 298, aber auch von ihrer Mittlerschaft 299 und vom gewissermaßen aktiven Wirken. 300 In ähnlichem Sinne wird ihr Beistand in der Todesstunde erbeten. 301


2.10. Ekklesiologie

Die Bezeichnung "Ecclesia" tritt vor allem zusammen mit der Betonung der göttlichen Zugehörigkeit 302 und der Heiligkeit 303 auf. Es gibt Verbindungen mit anderen Titeln. 304 Es erscheint ihr menschlicher Aspekt 305,aber auch das Wirken des Hl. Geistes 306; das letztere Motiv ist u. a. in der Formulierung vom Geist Gottes im "Leib der Kirche" gegeben. 307 Generell bezieht sich dieser Titel auf ein Kollektiv, das der Gaben Gottes bedarf 308 - darunter die Demut und das Bemühen um den rechten Weg 309 - und das auch des göttlichen Schutzes vor "Angriffen des Irrtums und der Bosheit" bedürftig ist. 310

Eine andere häufige Bezeichnung ist "populus tuus" 311, zusammen mit der Hervorhebung der Beziehung zu Gott 312, auch im Falle der konkreten liturgischen Versammlung. 313 Es gibt adjektivische und partizipiale Verbindungen, die mindestens indirekt auf die Kontinuität und zugleich den Kontrast zum alttestamentlichen Volk hinweisen, speziell hinsichtlich der Treue 314, des Glaubens 315 und des messianischen Charakters 316, wobei die Variante in Plural auf die Nuance der Aktualität, d. h. den Bezug auf die Kirchengeschichte, hinweist.

Nicht selten kommt "familia tua" vor 317, und zwar sowohl in allgemeiner Bedeutung 318 als auch in bezug auf die konkrete liturgische Situation. 319 Der eigentliche Sinn ist wohl im soteriologischen Thema der "Adoption" zu sehen, das deutlich auftritt. 320

Ähnlich verhält es sich mit "plebs tua" 321, wenn auf die Hingabe an Gott 322, das Geweihtsein 323, die Messianität 324, aber auch auf die Abhängigkeit von göttlicher Heiligung und dem Schutz 325, etwa hinsichtlich der Religiosität 326, hingewiesen wird. Andere, seltener gebrauchte Ausdrücke heben eben die göttliche Zugehörigkeit und Abhängigkeit hervor. 327 Relativ selten sind den Evangelien entnommene Vergleiche. 328

Als inhaltlich verwandt sind Bezeichnungen der Mitglieder der Kirche anzusehen: "fideles tui" 329, "famuli tui" 330, "supplices tui" 331, "membra" Christi. 332 Es befinden sich auch mehr weltliche Analogien. 333

In den komplexen Formulierungen werden vor allem die Einheit in der Wahrheit 334, die Wahrhaftigkeit des Glaubens 335, das "Bekennen des Glaubens" 336, die "Erkenntnis" Gottes 337 bzw. des "Namens" Gottes 338 als konstitutive Aspekte der Kirchlichkeit artikuliert. Auch die Kontinuität gegenüber dem Alten Testament wird angedeutet. 339

In deprekativer Form, die wohl reale Gefährdung vorauszusetzen scheint, ist von der Integrität des Glaubens 340, von der Frömmigkeit und der Mannhaftigkeit 341, vom Schreiten auf dem Weg des Heiles 342, von der Führung zum Heil 343, vom geistigen Wachstum 344, von Ausdauer in der Frömmigkeit 345, von Bekämpfung der Irrtümer 346, von Verteidigung vor den Feinden und den inneren und äußeren Gefahren 347 die Rede.

Die Kirche solle die Irrenden zurechtweisen und die Zerstreuten zusammenführen. 348 Besonders interessant ist die Aussage, daß es sich um "das christliche Volk" handelt, das die Spaltungen überwinden und in die Einheit mit dem "wahren Hirten der Kirche" eingehen solle. 349 Zugleich aber wird etwa das Zeugnis des hl. Josaphat als Sache des Glaubens verstanden. 350 Zugleich beziehen sich alle Gebete, auch die Gebete für Verstorbene, in der Regel nur auf die Katholiken. 351 Lediglich ganz vereinzelt wird für alle Menschen gebetet. 352

Bei bestimmten Anlässen ist von der petrinischen Struktur die Rede, besonders im Rahmen der entsprechenden biblischen Stellen 353, aber nicht ausschließlich. 354 Die Apostolizität des Anfangs der "Religion" der Kirche wird hervorgehoben. 355 Es gibt Andeutungen zur kirchlichen Hierarchie allgemein, wobei der biblische Bezug weniger direkt erscheint. 356


2.11. Von der Liturgie allgemein

Liturgische Geschehen werden als "solemnitas" 357 (bzw. "solemnia" 358 ), "festa" 359 (bzw. "festivitas" 360 ), "officium" 361, "servitus" 362, "ministerium" 363 und "memoria" 364 bezeichnet. In bezug auf die aktuelle Handlung spricht man regelmäßig vom Bitten (in verschiedenen Bezeichnungen: "petentes" 365, "preces" 366, "deprecatio" 367, "supplicatio" 368, "vota" 369), oft in Verbindung mit dem Opfer 370, und auch vom Bekennen der Sünden 371 und von "Übung". 372 Es wird aber auch zwischen dem Sakrament und der Bitte unterschieden. 373 Von den anderen Sakramenten (ausgenommen Eucharistie) werden nur das Priestertum 374 und das Bußsakrament deutlich erwähnt 375, was im Kontext des Missale durchaus verständlich ist.